Zwischendurch mal was ganz anderes: Island

Eine kurze Reisenotiz

Text und Fotos: Christian Gotthardt

Veröffentlicht: Mai 2017









Eislagune am Fuß eines Gletschers am Vatnajokull

Norddeutscher, der ich bin, will ich mit Kopf und Bauch ins südliche Europa, und mit dem Herz nach Norden. Island war für mich bislang terra incognita. Aber nach zahlreichen Besuchen in Finnland, Dänemark, Schweden , Norwegen und Schottland wurde die Erfahrungslücke immer fühlbarer. Der aktuelle, unterschwellig wirksame Tourismus-Hype um die Insel machte willig. Als meine Nichte mit Freund nach Island zog, war der Reiseentschluss nicht mehr zu unterdrücken.

Langsame Anreise

Länder, die ich noch nicht kenne, vor allem im Norden, reise ich gerne langsam an. Das schärft den Blick für deren Eigenheiten. Am liebsten in der Kombination Eisenbahn, Bus, Fähre. Island erreichte ich im April 2017 durch eine lange Zugfahrt nach Hirtshals im Norden Dänemarks und drei Tage Fähre via Shetlands und Färöer zum ostisländischen Seydisfjördur. Allein diese Route war schon die Reise wert.

Dort abgeholt, ging es per Auto 3 Tage an der Südküste Islands entlang gen Westen, zunächst Fjorde rein und raus, dann an den Gletscherlagunen südlich des Vatnajökull vorbei, dann an den großen Wasserfällen an der Südwestküste, schließlich nach Reykjavik.

Ankunft in Seydisfjördur

 

Friedhof französischer Islandfischer, ertrunken ca. 1880-1920, am Fjordufer vor Faskrudsfjördur  

 

Noch einmal: die Eislagune am Vatnajokull

 

Basalt und schwarzer Strand bei Dyrdhlaey

 

Tourismus 

Der Norden bereist sich anders als das urbane Mittel- und das mediterrane Südeuropa. Dies gilt für Island in extremer Weise. Gefühlt 85 % der Insel sind unkultivierbar und leer, Schnee- und Lavawüsten, unpassierbar durch Wetter oder Topographie. Keine Straßen, keine Eisenbahnen, keine Siedlungen, kein Kommerz. Im Vordergrund steht der Straßenring entlang der Küsten, von dem aus man die touristischen Hotspots besucht, im wesentlichen Naturschauspiele. Dort trifft man immer alle wieder, die zur gleichen Zeit nach Island gereist sind. Eine sehr vielköpfige internationale Mischung, Chinesen, Japaner, Amerikaner, Kanadier, die auf dem Weg zwischen Amerika und Europa die Chance eines Stopover nutzen. Man erlebt manchmal verstörende Verhaltensmuster, z.B. selbstgefährdende Selfie-Aktionen oder idiotisches Drohnengefliege. Die Isländer sind mehrheitlich nicht glücklich über diesen massentouristischen Tsunami, überall errichtete Warntafeln mit verzweifelten Hinweisen auf selbstverständliche Verhaltensregeln beweisen dies. 

Ständige und zutrauliche Begleiterin: die balzende und nistende Rotdrossel. In Hamburg nur als schneller Durchzügler bekannt

 

Urridafoss: mein Lieblingswasserfall, im Regen

Klar: Naturkulissen wie Fjorde und Gletscher, Naturschauspiele wie Geysire, Nordlicht oder Wasserfälle sind touristische Magnete. Sie bestimmen das Gesicht des Landes und beeindrucken. Aber sie erzählen nicht viel. Dennoch kann Island mehr erzählen. Folgt man den eigenen Leidenschaften, dann spricht das Land über seine Natur hinaus. Meine Interessen waren die Häfen im kalten Licht, die Geschichte der Besiedlung, die Energiewirtschaft.

 

Erkenntnisse 

Was habe ich begriffen? Die Häfen sind Norden in höchster Potenz. Trawler, Walfänger illustrieren die Zweckbestimmung. Die Kälte (der Luft und des Lichts) bezeugen die Mühe und die Gefahren des Alltags.

Zwei Walfänger in Reykjavik, Baujahr 1950 (links) und 1960, kürzlich herausgeputzt

 

Die Landwirtschaft hat die bäuerlichen Traditionen der norwegischen Besiedler weitaus konsequenter abgestreift als ich es auf den – ebenfalls durch Norweger kultivierten - schottischen Hebriden erlebt habe. Die Bewirtschaftung der schmalen Küsten- und Fjorduferstreifen dient immer noch vor allem der Heuwirtschaft, Viehzucht findet jetzt aber ganzjährig vorwiegend im Stall statt, die landwirtschaftlich genutzte Fläche ist insgesamt stark geschrumpft. Man sieht es, wenn man es ahnt; das Nationalmuseum in Reykjavik erklärt es vorzüglich.

Die Energiewirtschaft basiert auf Wasserkraft und - zunehmend - auf Erdwärme. Angezapfte Heißwasserquellen speisen direkt Dampfturbinen zur Stromproduktion und ebenso direkt (ohne Wärmetauscher!) Fernwärmeheizungen und die Netze für heißes Nutzwasser. Heiß duschen im Schwefeldampf. Ich mag das. Das ganze ist so spottbillig, das Island global die stromintensive Aluminiumindustrie akquiriert. Eines der modernsten Kraftwerke, ich habe es von außen beschnüffelt, dampfte verrückte Mengen an Abwärme ab. Abwärmenutzung lohnt sich offenbar nicht bei solch niedrigen Erzeugungskosten.

Erdwärmekraftwerk Hellisheidi

 

Die Haushalte haben in der Konsequenz extrem niedrige Preise für Strom, Heizung und dergl. zu zahlen. Stützt das die Akzeptanz der hohen Alkoholpreise? Es gibt da ja sehr subtile Zusammenhänge, wie z.B. in Deutschland die horrenden Mieten dadurch möglich wurden, daß der Bevölkerung in 150 Jahren beigebracht wurde, an der Qualität des Essens zu sparen. Das ist in Frankreich mit seiner stärkeren bäuerlichen Tradition bislang noch nicht möglich gewesen. Egal, die Warenpreise in Island zu verstehen, ist mir in der kurzen Zeit meines Aufenthalts nicht gelungen. Aber auch längerer Aufenthalt scheint dazu nicht zu befähigen, wie mir meine Nichte eingestand.

 

Und nochmal von der Natur beglückt: eine Nacht mit Nordlicht kurz vor der Rückreise

 

Über Reykjavik

 

Und auch das noch: Harburg in Island

Meine Nichte hat in Reykjavik ein älteres deutsch-isländisches Ehepaar zu Nachbarn, bei dem sie ein 3-bändiges Werk ausleihen durfte, in dem isländische Autoren akribisch die Aktivitäten deutscher Ethnologen in den 1920er und 1930er Jahren in Island ausgewertet haben. Ein Werk von Wahnsinnigen, wie ich es liebe. Seine Quellengrundlage waren u.a. Bestände des Museums für Völkerkunde in Hamburg. Es war auf Isländisch, insofern habe ich kaum etwas begriffen. Aber Bilder und Bildunterschriften konnte ich verstehen. 

Die dargestellten Ethnologen waren Nazis, was auch sonst, angetrieben von der Suche nach den Errungenschaften der „nordischen Rasse“ Skandinaviens als der angeblich rassisch wertvollsten Ethnie des Germanentums. Das war eine ideologische Projektion der SS-Organisation „Ahnenerbe“, der viele universitäre Wissenschaftler angehörten. Diese illusionäre Forschungsrichtung ist mir aus der Geschichtsschreibung über das frühmittelalterliche Norddeutschland wohl bekannt, reiner Quark, aber bis heute wirksam und schuld an der andauernden Unterschätzung der Kulturleistung der holländischen Friesen an der Nordseeküste.

Nun ist es bei Archäologen und Ethnologen/ Volkskundlern der NS-Zeit immer eine zwiespältige Sache, ihre Leistungen zu beurteilen. Da ist zum einen die Dokumentation der Fundstücke (per Zeichnung oder Foto), die immer noch Erkenntnisse ermöglicht. Zum anderen deren damalige „wissenschaftliche“ Einordnung, die für die Tonne ist. Der dokumentarische Wert der Island-Forschungen, die in dem genannten Buch gezeigt werden, ist extrem hoch.

So habe ich mir daraus eine Fotoserie kopiert, die den Fischfang und die Fischverarbeitung auf den isländischen Hochseetrawlern der 1920er Jahre zeigt. Das ist auch für Hamburger Trawler repräsentativ, aber in dieser Form mir aus Hamburg noch nicht bekannt. Vielleicht später mehr dazu.

Elektrisiert hat mich natürlich auch ein Foto, das einen der Forscher in einem Harburger Geländewagen zeigt. Ein Produkt der Harburger Tempo-Werke, produziert von 1936 bis 1944, das wohl für die Wehrmacht gedacht war, aber trotz dieses werbewirksam gestellten Bildes dort nicht recht ankam. Mir scheint, der Radstand war für Kriegszwecke ein wenig zu lang. Nebenbei – auch für isländische Verhältnisse.

Der Tempo G 1200 (genannt „Hamburger Hornisse“), mit 2 Motoren getrennt für Vorder- und Hinterachse (Foto aus: Urtorbfbejum inn i toekniöld, Bd. 2, o.O. 2003, S. 127; vgl. http://www.autobild.de/artikel/tempo-g-1200-47968.html

 

Meine Lieblingsbücher über Island haben einen französischen und einen finnischen Autor:

Pierre Loti: Islandfischer, Roman 1886

Antti Tuuri: Kleines großes Land, Reisebericht 1998

 

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