Werkstattbericht

Die nächsten Projekte

Text: Christian Gotthardt

Veröffentlicht: Dezember 2016






(1) Von der Polizei bei einer Haussuchung eben mal mitgenomen: das Mitgliederregister der KPD-Zelle Neuhof 1929

Seit Oktober 2014 ist diese Website online – mit Beiträgen, die teils aus aktueller Archivarbeit hervorgingen, teils aus der Schublade kamen, teils langjährige Steckenpferde und familiäre Überlieferungen erstmals publikationsreif machten. Dabei ist eine thematische Breite entstanden, die uns freut und irgendwie auch beeindruckt. Und nun gehts weiter.

Ist dieser Vorrat aufgegessen (ganz soweit ist es noch nicht), muss neuer Stoff her. Er kann in der Regel aus systematischer Archivarbeit sicher gewonnen werden. Geschichtswissenschaft ist kein Feuilleton, sie saugt nicht am Stift, sondern frisst Akten. Der Arbeitsplatz von Historiker/innen ist nicht die Talkschau, sondern das Archiv.

Im Archiv, dies ist eine andere Weisheit, kann man dieses oder jenes Interessante, Unterhaltsame finden. Aber die eigentlichen Schätze hebt man erst, wenn man seine Suche fokussiert. Manche dieser Schätze sind dann gelegentlich schwer verdaulich. Es gibt Archivtage, nach denen ich nur schlecht schlafen kann. Oder garnicht.

Mein Fokus ist die Arbeiterbewegung. An diesem Thema arbeite ich seit nunmehr 40 Jahren. Es bannt das Wesen, mit Hegel gesprochen, oder einfacher gesagt, die Merkmale meiner Heimat wie in einem Brennglas. Ich habe im letzten Jahr vorwiegend Akten studiert, die in diesem Fokus lagen. Es waren Akten des Bestands 351-11 „Wiedergutmachung“ im Staatsarchiv Hamburg, der heute mit dem neuen online-Suchsystem Scope hervorragend zugänglich ist, und des Bestandes Stade 171 a (Strafsachen) im Staatsarchiv Stade, von dem man gleiches leider nicht vermelden kann, und einer Durchsicht der Jahrgänge 1926 bis 1932 des sozialdemokratischen Harburger "Volksblatts". Daraus ist eine Speisung des Artikels „Neue Aktenfunde ...“ entstanden, der im Herbst/ Winter 2016 tatsächlich sehr angeschwollen ist. Aber wir wissen jetzt auch vieles mehr über die Jahre vor 1933.

Das wird das Themenprogramm im nächsten Jahr bestimmen. Wir werden 2017 eröffnen mit der bereits angekündigten Skizze über das Leben des von der Wehrmachtsjustiz ermordeten Harburger Seemanns und Kommunisten Heinrich Ahrens. Folgen wird ein Bericht über die Harburger Teilnehmer am spanischen Bürgerkrieg (auf republikanischer Seite). Sie trafen dort ab Anfang 1937 ein – es gibt also ein 80-jähriges Jubiläum.

Bis zum Herbst 2017 planen wir dann eine Reihe von 4-5 Artikeln zur Harburg-Wilhelmsburger Arbeiterbewegung 1917 bis 1933. Das soll dem gleichen Ansatz folgen wie die Aktualisierung der Widerstands- und Verfolgungsgeschichte in den „Neuen Aktenfunden“. Also ein update. 2007 war das Buch „Die Radikale Linke als Massenbewegung“ erschienen, nach 10 Jahren gibt es nun Anlass und Material genug, zu ergänzen und zu vertiefen.

Desweiteren: Vielleicht schaffen wir es endlich, einen Sample über Harburg-Wilhelmsburger Frauenpersönlichkeiten zu veröffentlichen, die es in diesem schrecklichen Männerjahrhundert eben auch gab. Meine Oma Hedwig, die mir beibrachte, dass die unbefleckte Empfängnis ein Schmarrn ist und dass man die Nazis, die unsere Familie zu mindestens 50 % zerstört haben, persönlich hassen darf, fordert mich gefühlt einmal pro Monat aus ihrem Grab dazu auf. Es wird außerdem einen Beitrag zum Thema „Folter und Verrat“ geben, der uns besonders schwer auf dem Magen liegt.

 

Bildnachweis

(1) Kopien aus der Akte StASt Stade 171 a Nr. 78

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