Abenteuer Antiquariat

Grandiose Werke zum 1. Weltkrieg und zur Revolution 1918 ff.

Text: Christian Gotthardt

Veröffentlicht im September 2018






















Jaroslav Hašek 1922

 

 

Vorweg dies: Der heiße Sommer 2018 trieb mich (und treibt mich noch) an die Küsten der Nord- und Ostsee, und auch hier zumeist in den kühleren Schatten. Dabei entdeckte ich eine Leidenschaft wieder, das freie Lesen. Das auch vor dicken Schwarten nicht zurückschreckt, wenn der Hunger erst einmal geweckt ist. Wenn allein die Spürnase und der Magen des Trüffelschweins regieren. Eine Freundin nannte das einst treffend „entpragmatisiertes Lesen“, Lesen ohne Zeit und Raum, ohne Zwecksetzung eigener oder äußerer Herkunft. Von Erlebnissen, die dabei entstehen, soll diese neue Rubrik der Website nun hin und wieder berichten.

 

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldats Schwejk. 2 Bände, zusammen rund 730 Seiten, geschrieben 1921 bis 1923. In Versandantiquariaten zu haben für 4-5 Euro.

Eigentlich sollte dieses Werk ja jeder längst gelesen haben, und eine Empfehlung wäre demnach Unsinn. Es mag die Schuld Fritz Muliars (und seiner Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten) gewesen sein, dass dem vermutlich nicht so ist. Muliar hatte in den 1970er Jahren in einer ZDF-Serie einen wachsweichen Schwejk gegeben, kauzig, verschmitzt, aber doof. Ich jedenfalls habe den Kasten damals ausgeschaltet und das Werk nicht angefasst.

Nun doch. Und siehe da: Nach 100 Seiten Eingewöhnung merkte ich, dieser Text bietet keine ermüdenden Schelmen-Geschichten a la Muliar, sondern eine knallharte, aufrüttelnde, oft blutige Kritik der österreichischen Gesellschaft zur Zeit der KuK-Monarchie. Hašek wusste, worüber er schrieb. Er war 1914, da seine Heimat Böhmen damals zu Österreich gehörte, in dessen Armee eingezogen worden und kam an die Ostfront. Dort lief er zu den Russen über, kämpfte als Soldat der Tschechischen Legion auf der Seite der Entente gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich. 1918 ging er in die Rote Armee, wurde Mitglied der KP Russlands und Politkommissar. 1920 kehrte er nach Prag zurück.

Hašek schildert die schreiende Inhumanität des österreichischen Militärs, zugleich ihre Unfähigkeit im selben Ausmaß. Konkrete Verbrechen, die historisch belegbar sind, zum Beispiel Massaker an der serbischen Bevölkerung in der Anfangsphase des Krieges. Das alles gestaltet in der Sprache eines „kleinen Mannes“, der gewiss keine Mitschuld trägt. Der nämlich Widerstand leistet, und sogar Solidarität mit Leidensgenossen beweist, in den seltenen Momenten, in denen dies in einem repressiven Staat überhaupt möglich ist. Brecht hat diesen Text geliebt, ich verstehe jetzt warum.

Der Text ist die bewegende Studie einer korrupten Gesellschaft. Er zeigt, dass die Flucht einer solchen Gesellschaft in den Krieg nur der letzte Akt des Niedergangs ist. Was für Niederlagen! Eine Wiederholung des Desasters von Louis Bonapartes Feldzug 1870 gegen Deutschland: In den Krieg ziehen und nach kurzer Zeit untergehen.

 

Alfred Döblin, November 1918, 4 Bände. Zusammen rund 2200 Seiten, geschrieben 1938 bis 1942 im Exil in Frankreich und in den USA. Die in der DDR von Rütten und Loening hervorragend besorgte gebundene Ausgabe von 1981 ist in Versandantiquariaten ab 50 Euro zu haben, die dtv-Taschenbuchausgabe von 1978, die ich in den 1980ern für 15,- DM geschossen habe, im Moment gar nicht mehr. Wegen des anstehenden Jubiläums?

Ja, Döblin, ich hatte immer schon eine Leidenschaft für ihn. Wegen Franz Biberkopf sowieso, und dann wegen seines lebenslangen Bekenntnisses zum Berliner Osten, zum Proletariat, zu den Armen. Er war dort Jahrzehnte Armenarzt wie mein Vater im Harburger Phoenixviertel. Döblins Berliner Kiez – Kreuzberg-Neukölln, zwischen Urban Krankenhaus am Landwehrkanal im Norden, Mehringdamm im Westen und Karl Marx Allee im Süden – kenne ich gut. Da habe ich mal gewohnt. Und mich sauwohl gefühlt, als Harburger. Denn das Quartier war im Grunde nichts anderes als Harburg hoch 2.

Aber diese Revolutionstetralogie, diese unendlich vielen Seiten, wo ich doch als Historiker sowieso eine kräftige Abneigung habe gegen historische Romane. Und alles sowieso besser weiß. Das lag wie Blei im Bücherregal, oft angeblättert, und immer wieder weggestellt.

Jetzt endlich gelesen und – Plop! – gefangen. Döblin ist eben Döblin, ein magischer Erzähler. Allein die Idee, den Roman in der Provinz, im Elsass beginnen zu lassen, im Mikrokosmos eines Militärlazaretts, er hatte dort seinen Kriegsdienst abgeleistet und kannte sich aus, darin die Gewalt der Niederlage Deutschlands zu schildern, genial. Dann der Sprung nach Berlin, die Einfühlung in die Würstchen Ebert, Scheidemann, Noske, die wirklich finale Abrechnung mit dem Verrat der deutschen Sozialdemokratie.

Und mehr noch: eine ebenso kundige Schilderung der Revolutionäre, vor allem ihres Führungspersonals, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg. Sie waren Zauderer aus Döblins Sicht, Liebknecht als Idealist und Dandy, Luxemburg als Dogmatikerin. Wie sich in einer tatsächlichen Revolution verhalten? Lenin scheint als Alternative durch, ohne dass Döblin sich zu ihm bekennt. Nun, die deutsche Revolution war eben auch kraftloser als alle zuvor, die französischen und die russischen allemal. Insgesamt ein sehr realistischer, zugleich sehr offener Text. Der einlädt zum Prüfen konservierter Einschätzungen und zum Lernen neuer Sichtweisen. Seine erzählerische Einfühlung in die Psyche der herausragenden Akteure wie ebenso in die der Massen bestätigten und klärten viele der Gedanken, die mir beim Studium der Revolutionszeit in den letzten Jahren in den Kopf kamen.

Manches aber will man nicht lernen. Die Vollendung des Manuskripts „November 1918“ fiel zusammen mit der Konversion des Ehepaares Döblin zum Katholizismus. Den Hintergrund bildete ein Erweckungserlebnis Alfreds im französischen Exil. Resultat war, wie sein Freund Ludwig Marcuse urteilte, dass sich zu den großartigen Passagen des Romans solche auf dem Niveau religiöser Traktätchen mengten. Beschäftige sich damit, wer es mag, ich habe diese Passagen überblättert.

Brecht, Döblins Nachbar in Los Angeles damals, äußerte sich dazu verständnisvoll: Sorge um zwei der vier Söhne, verschollen in Frankreich, Krankheit und Verzweiflung auf der Flucht, eine zuweilen bedrückende Ehe (aus BB Sicht). Doch er hat sich auch fremdgeschämt für diese Konversion, in erheblichem Maße. Wir verdanken dieser Episode Brechts treffendes Wort von der „Verletzung der irreligiösen Gefühle“ seiner Freunde und Gefährten, die Döblin damit begangen habe.

Kurzum und trotzdem: Ein Riesenwerk, überwältigend, Stoff für langes Verdauen.

Dazu, als historisches Nebenwerk zum Nachlesen der Ereignisgeschichte und zum tieferen Verständnis der Gestaltungsweise Döblins, sei das seit kurzem bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältliche Buch von Mark Jones: Am Anfang war Gewalt, Bonn 2017, empfohlen (432 Seiten, 4,50 Euro). Es ist exakt der gleichen Zeitspanne gewidmet wie Döblins Kernerzählung: den Wochen von Anfang November 1918 bis Ende März 1919 in Berlin. Stone folgt darin einem sehr engen, politologisch eingehegten Gewaltbegriff, den ich nicht teile. Aber er arbeitet, wie bei britischen Historikern üblich, sehr souverän und bietet aussagekräftige Quellen in reichhaltiger Darbietung. Und er zerlegt meisterhaft (vielleicht ohne es zu wollen) die sozialdemokratische Revolutionslegende, die wir alle schlucken mussten als Schüler und auch späterhin: dass Ebert damals einen Spartakusputsch bekämpfen musste, und dass er damit die Demokratie gerettet habe. Nein, es war kein Spartakusputsch, und nein, Ebert hat nicht die Demokratie gerettet, sondern die Macht des preußischen Militarismus und damit die Basis des deutschen Faschismus. Das genau war auch Döblins Sicht.

Lustig aktuell: Die SPD löst ihre historische Kommission auf. Die wollte eigentlich Ende 2018 eine dicke Konferenz zur Revolution 1918 machen. Was der Parteivorstand wohl kapiert hat: Wenn man schon eine Scheißgeschichte hat, dann besser nicht drüber reden.

 

Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis auf eine Autobiographie, die sich wie eine Fortsetzung des Döblinschen Romans lesen lässt: Franz Jung, Der Torpedokäfer, Neuwied und Berlin 1972 (499 Seiten, antiquarisch erhältlich inzwischen für rund 20 Euro. Alternativ sind textgleiche Ausgaben unter dem ursprünglichen Titel „Der Weg nach unten“ für 9 bis 15 Euro zu haben). Der Schriftsteller und Journalist Jung, bei den Berliner Kämpfen Anfang 1919 selbst beteiligt, schildert die revolutionären Nachfolge-Aktionen der Jahre bis 1922 aus Sicht der von ihm mitgegründeten „Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ KAPD, einer linken Abspaltung der KPD mit zeitweilig erheblichem Massenanhang.

 

Bildnachweis

Die Titelphotographie von J. Hašek entstammt Wikipedia und ist gemeinfrei, alle übrigen Aufnahmen Archiv Gotthardt.

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