Das Harburger Jugendheim 1925 bis 1933

Aus Anlaß des 150. Geburtstages der Postkarte im deutschen Postangebot

Text: Christian Gotthardt
Veröffentlicht August 2020






Das Harburger Jugendheim 1925 bis 1933

 

Aus Anlaß des 150. Geburtstages der Postkarte im deutschen Postangebot

 

Ein Freund aus dem Hamburger Norden bereitet eine Ausstellung zur Arbeiterbewegung vor. Ich habe ein paar Beiträge übernommen, man tauscht sich aus. Dann schickt er mir ein Motiv aus seinem Fundus (s.o.), datiert auf 1926 und mit einem geheimnisvollen Harburg-Bezug (s.u.).[1] Er könne daraus nicht schlau werden und ich sei ja … usw. Das wurde zum Weckkuss für eine kleine Recherche, die „nicht mehr Sichtbares“ erfahrbar machte.

(2) Schriftfeld der Karte

 

Das Haus

Die Harburger Gaststätte, die mit dem Hausmotiv warb, stand auf der westlichen Seite der Rathausstraße, etwa auf der Höhe des heute dort befindlichen Wendekreises für die Marktbeschicker. Sie hat mit dem abgebildeten Haus allerdings nichts zu tun. Bei diesem handelt es sich um ein 1862 von der Stadt Harburg für ihren damaligen Stadtbaumeister gebautes Wohnhaus.[2] Ihm unterstand unter anderem die Feuerwehr. Für deren Zwecke wurden auf dem Hausgrundstück und der Straßenseite gegenüber weitere Gebäude gebaut, z.B. ein Spritzenhaus und eine Wachstube für die Bereitschaft sowie ein Trocknungsturm für die Schläuche. Der umfangreiche Komplex bekam 1868 die Hausnummern Ludwigstraße 6, 6a und 7. Nr. 7 war das besagte Wohnhaus.

(3) Hof der Feuerwache mit Turm, um 1905

 

Die Lage

Was hatte nun das Gasthaus mit der Feuerwehr zu tun? Und wo kommen die abgebildeten Kinder und Jugendlichen her?

Zunächst ein Blick auf den Stadtplan:

(4) Plan der Harburger Innenstadt

Die Karte zeigt die Straßenführung im Jahr 1965, die der um 1900 entsprach und bis etwa 1970 Bestand hatte. Das Gasthaus stand mit der Front zur Rathausstraße, und zwar vom Sand gesehen auf der rechten Straßenseite, noch vor der Kreuzung Rathausstraße/ Hölertwiete (früher Ludwigstraße). Ging man nun an dieser Kreuzung rechts in die Hölertwiete/ Ludwigstraße hinein, gelangte man auf deren rechter Seite nach etwa 20 bis 25 Metern zum dem Teil des Feuerwehr-Komplexes, der das Wohnhaus des Stadtbaumeisters barg. Im Inneren dieses Straßenblocks (umschlossen von Rathausstraße, Ludwigstraße, Neue Straße und Sand) lagen also die Rückseite der Gaststätte und die Hausfront des Stadtbaumeisters einander gegenüber.

.(5) Blick an der Rathausfront entlang nach Norden in die Straße Salzburger Häuser. Wo diese nach links abknickt, ist der Schlauchturm auf der rechten Straßenseite zu erkennen. Er bildete die Rückseite des Feuerwehrgeländes.

 

(6) Der gleiche Blick, nur näher dran: der Feuerwehrkomplex, mit einer Mauer zur Straße Salzburger Häuser (sie trug damals den Namen Hermannstraße)

 

Das Jugendheim

Ende 1925 zog die ganze Wache samt Chef – nun der Branddirektor Westphal – in einen Neubau am Hastedtplatz. Die Stadt wies das Wohnhaus in der Ludwigstraße dem Jugendamt als Jugendheim zu. Sie löste damit ein dringendes Problem: Die politischen Jugendorganisationen, in der Republik im kräftigen Aufschwung begriffen, hatten keine Treffpunkte. In Kneipen zu tagen, wie die Erwachsenen, war ihnen verwehrt und auch finanziell nicht möglich. Die „neutralen“ Vereinsheime (Sport, Schützen etc.) blieben ihnen ebenfalls verschlossen. Die Rathausparteien dachten wohl nicht zuletzt auch an ihre eigene Nachwuchsbildung, als sie die Einrichtung des Jugendheims beschlossen.

Bis 1933 wurde es – als alkohol- und tabakfreier Versammlungsort - von den parteinahen Jugendgruppen der Stadt und ihren jeweils nahestehenden Neigungsgruppen (Pfadfinder, Radfahrer, Fußball, Briefmarkentausch, Schach etc.) intensiv genutzt. Daneben diente es als Logenhaus des antialkoholischen Guttemplerordens.

Wie die Beziehung des Jugendheims zum „Stadt-Kasino“ aussah, ist schwer zu interpretieren. Wahrscheinlich waren nach Auszug der Feuerwehr neben dem Schlauchturm[3] auch einige ältere Zäune oder Mauern entfernt worden und es gab es eine Sichtbeziehung zwischen dem Hinterhaus der Gastwirtschaft (mit Gartenterrasse?) und der Fassade des Jugendheims. Vielleicht gab es auch eine funktionale Beziehung, durch Küchendienste bei Veranstaltungen oder Catering für die Guttempler, vielleicht eine politische durch die Nähe zum Rathaus und zur SPD-Zentrale am großen Schippsee, als Treffpunkt der SPD-Funktionselite oder als Verkehrslokal eines der Innenstadt-Distriktsgruppen der Partei.

Die abgebildete Jugendgruppe ist nach Alter und Kluft vermutlich der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) zuzuordnen. Es müssen nicht zwingend Harburger gewesen sein, es kann sich auch um Hamburger Jugendgruppen gehandelt haben, die eine Wanderung in den Harburger Bergen machten. Die SAJ hat vermutlich aufgrund ihrer personellen Stärke vor Ort (1930: ca. 270 Mitglieder)[4] und der ihnen angeschlossenen Gruppen der „Kinderfreunde“ (1930: ca. 240 Mitglieder)[5] die Nutzung des Jugendheims dominiert.

Die Nazis machten diese sehr lebendige Einrichtung im Frühjahr 1933 platt. Die Mitglieder der KPD und die Leitungen ihres Jugendverbands KJVD wurden bereits ab Februar 1933 durch SA und Polizei teils verfolgt und in „Schutzhaft“ genommen, teils streng überwacht. Der SAJ wurde im März zunächst die die Tagesnutzung verboten, wodurch die Kinderaktivitäten wegfielen. Dann folgte am 22. Juni 1933 das Verbot der SPD und aller ihrer Nebenorganisationen. Das Haus wurde zu einem Heim der Hitler-Jugend gemacht. Ein massiver Angriff der amerikanischen Air Force auf die Harburger Innenstadt im November 1944 zerstörte es vollständig.

(7) Zwei Briefe des nationalsozialistischen Jugendamts an den damaligen Vorsitzenden der SAJ-Harburg-Wilhelmsburg Gustav Martens

Erinnerungen

Als ich dies alles herausfand, fiel mir eine Geschichte wieder ein, die mir mein Vater (Jg. 1921) mal erzählte. In dem Haus, in der seine Kinderfreunde- und später SAJ-Gruppe tagte, seien oft auch die Guttempler gewesen. Unter sich hätten die SAJ-ler dann immer über „Ihr ollen Grog-Trinkers“ (IOGT) abgelästert.

Erinnerung schwingt auch im Text von Max Truels mit, dem Harburg-Chronisten, der in den 1970er und 1980er Jahren die Harburger Tageszeitung HAN bediente. Er schrieb u.a. über die Geschichte der Harburger Feuerwehr, die Episode des Jugendheims war ihm dabei bekannt, er berührte sie aber nur kurz.[6] Truels (Jg. 1907) war vor 1933 vermutlich SAJ ler, wahrscheinlich auch Sozialdemokrat gewesen. Als junger Mann konnte er vor 1933 gelegentlich kleine Lokalglossen im sozialdemokratischen „Volksblatt“ unterbringen.[7] Waren ihm solche Erinnerungen nach 50 Jahren „zu politisch“, um sie veröffentlichen zu können? Schade jedenfalls.

Bildnachweis

Titel      Sammlung Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt

(2)         Ebda.

(3)         Giehl, Manfred: Roter Hahn über Harburg, Harburg 2007

(4)         Sammlung Gotthardt

(5)         Schmidt, Irene: Harburg in alten Ansichten, Zaltbommel 1981

(6)         Truels, Harburgensien

(7)         https://gustavmartens.weebly.com/indraget-tillstaringnd-saj.html (30.7.2020)

 

 

 

Anmerkungen

[1] Sammlung Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt.

[2]  Truels, Max: Geschriebene Harburgensien, Harburg 1986, S. 126-128. Vgl. Staatsarchiv Hamburg (StAH) 430-4_VI D 2 b 33.

[3] StAH 430-4_V Q 145.

[4] Volksblatt.

[5] Hugk. Beate: „Schach dem Kapital“. Aspekte der Arbeiterkultur in Harburg und Wilhelmsburg vor 1933, in: Ellermeyer, Jürgen / Richter, Klaus / Stegmann, Dirk: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Hamburg [1988], S. 247.

[6] Truels, Harburgensien, a.a.O.

[7] http://www.harbuch.de/frische-themen-artikel/tauchstation-werbung.html

 

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